Aus dem Leben eines Unternehmensberaters

Si tacuisses…

Veröffentlicht in Wirtschaft und Politik von casparhauser am Oktober 8, 2008

Ich weiss nicht, ob ich den MdB Jürgen Koppelin jemals als philosophus bezeichnet hätte. Jedenfalls habe ich mir jetzt das von Stefan Niggemeier velinkte Interview auf Radio Eins einmal in Gänze angehört.

Die Finanzkrise treibt ja so manche Stilblüte diese Tage. Sich aber in anbetracht der größten Wirtschaftskrise seit 1929 hinzustellen und zu behaupten „Das ist nicht der Markt, das ist das Verhalten der Manager“ oder „Der Markt, der Markt selber ist ok. Es ist nur, wer kommt hin, wer kriegt Managerfunktionen, und da habe ich den Eindruck, manchen fehlt’s da wirklich, ja, nicht nur an der guten Ausbildung, sondern, sie waren nur noch auf Schnäppchenjagd. Das hat mit Markt nichts zu tun.“ halte ich einfach nur für strunzendämlich.

Ich hätte da jedenfalls ein paar Fragen an die Damen und Herren von der FDP, die ich im Folgenden gerne einmal in Form eines offenen Briefes an Herrn Koppelin & Co formulieren möchte:

Sehr geehrter Herr Koppelin,

es mag ja nicht mehr so besonders sexy sein, sich dieser Tage für deregulierte Märkte und freien Wettbewerb einzusetzen, zumindest was die Finanzmärkte dieser Welt betrifft. Bisher fand ich es einigermaßen bewundernswert, dass die FDP in dieser Frage eine klare Linie vertreten hat, wenngleich ich diese Linie nie wirklich geteilt habe. Man wusste zumindest zu jedem Zeitpunkt, woran man bei der FDP in diesen Fragen war, was man bei den anderen im Bundestag vertretenen Parteien, mit Ausnahme der Linkspartei, definitiv nicht behaupten kann.

Nun bin ich durch Zufall auf ein Interview gestoßen, was Sie am Montag dem Radiosender rbb gegeben haben. Dort haben Sie, unter anderem, behauptet, die derzeitige Krise an den Finanzmärkten sei kein Resultat des Marktes, sondern sei „lediglich“ die Folge der Handlungen inkompetenter, schlecht ausgebildeter Manager. Ich muss sagen, dass mich Ihre Aussagen doch etwas verwundert haben, weshalb ich Ihnen gerne ein paar Fragen stellen möchte.

Vielleicht können Sie zunächst einmal spezifizieren, was Sie meinen, wenn Sie sagen „der Markt ist in Ordnung“. Meinem Verständnis nach ist der Markt nichts weiter, als ein Mechanismus, der mit Hilfe von Preissignalen Ressourcenallokation betreibt. In diesem Sinne ist der Markt ja in der Tat in Ordnung, denn das tut er zu jeder Zeit an jedem Ort – das funktioniert ja auch heute.

Nun geht es bei den Diskussionen über freie Märkte und den Einfluss des Staates ja selten darum, ob der Mechanismus funktioniert, sondern vielmehr darum, ob Ressourcen optimal allokiert werden – was auch immer man unter dem Begriff optimal verstehen mag. Unter Wirtschaftswissenschaftlern gibt es dazu ja unzählige Abhandlungen und Diskussionen, angefangen bei assymetrischer Information, über unperfekten Wettbewerb, bis hin zu neueren Trends wie Verhaltensökonomik, die sich mit dem Fluch und Segen von Ressourcenallokation durch den Marktmechanismus beschäftigen.

Ich erwarte nicht, dass Sie als MdB zu den zahlreichen Positionen, die es in der akademischen Welt zu dem Thema gibt, detailliert Stellung beziehen, bzw. dies überhaupt können. Gleichwohl bin ich schon ziemlich irritiert, wenn von einem MdB, der einer Partei angehört, die den Segen freier Märkte immer in den Vordergrund gestellt hat, auf das Thema angesprochen kein einziges stichhaltiges Argument kommt, was den Zusammenhang deregulierter Finanzmärkte und der derzeitigen Finanzkrise auch nur im Ansatz entkräftet.

Sie sagen: „Der Markt ist in Ordnung, das ist, liegt ja teilweise… überwiegend auch an den Managern.“ Stimmen Sie mit mir darin überein, dass die Akteuere in den Märkten dieser Welt in der Regel immer noch Menschen sind? Dies ist ja selbst dann der Fall, wenn von Menschen programmierte Systeme an den Finanzmärkten automatisch Transaktionen in Milliardenhöhe vornehmen. Die Handlungen werden doch in jedem Fall von Tradern, Brokern, Analysten und Managern vorgenommen.

Das Argument für freie Märkte lautet ja auch seit ehedem, dass die Menschen im Prinzip besser Wissen, was „gut“ (oder eben optimal) für sie ist, und dass man deshalb die Akteure frei von den Einflüssen des Staates handeln lassen sollte, da nur der Markt die richtigen Anreize setzten könne. Behaupten Sie jetzt implizit, dass die Menschen doch nicht wissen, was „gut“ für sie ist, wenn Sie die Krise dem Verhalten der Manager zuschreiben?

Überrascht war ich auch, dass Sie den Managern eine gute Ausbildung absprechen. Wollen Sie ernsthaft behaupten, dass Richard Fuld an der Stern Business School oder John Thain und Stan O’Neal an der Harvard Business School keine gute Ausbildung erhalten haben? Das würde in der Konsequenz ja ein ganz neues Licht auf das bildungspolitische Programm der FDP werfen, die sonst schon mal gerne das amerikanische Hochschulsystem als ein leuchtendes Vorbild darstellt.

Um es kurz zu machen: Kann es nicht einfach sein, dass man die „Wertschöpfung“ der Finanzindustrie in den letzten Jahren einfach drastisch überschätzt hat? Kann es nicht sein, dass die Deregulierung der Finanzmärkte nicht einfach ein Fehler war? Ist es so schwer, einfach einen Fehler einzugestehen? Oder kann einfach nicht sein, was nicht sein darf?

Sollte Herr Koppelin wider Erwarten antworten, so werde ich die Antwort gerne mit der Leserschaft teilen. Wobei ich selbst dann nicht erwarte, dass man bei der FDP plötzlich selbstkritisch wird. Auf der Webseite der FDP Fraktion im Bundestag stehen zumindest immer noch die alten Parolen:

Und auch für den Kapitalmarkt gilt: Überflüssige Regulierungen müssen abgebaut werden. Bestehende Gesetze, Verordnungen und sonstige Regulierungen, die ihr Ziel nicht kostengünstig erreichen oder nicht mehr erforderlich sind, müssen abgeschafft werden.

Bleibt zu ergänzen: Manager sollten eine bessere Ausbildung erhalten, als man sie an der Harvard Business School bekommt.

3 Antworten

Abonniere die Kommentare per RSS.

  1. Doener sagte, am Oktober 8, 2008 zu 3:11

    Der Markt, der heilige Markt Wer ist das eigentlich? In der Welt Koppelin offensichtlich nicht die Summe der Entscheidungen der handelnden Marktteilnehmer, denn dann würden die Manager ja dazugehören, sondern irgendetwas Höheres, eine unfehlbare Instition. Soviel Religiösität hätte ich in der FDP gar nicht vermutet.

  2. Blog ohne Namen sagte, am Oktober 8, 2008 zu 3:15

    Der unfehlbare Markt…

    Der Markt, der heilige Markt!
    Wer ist das eigentlich? In der Welt des Herrn Koppelin offensichtlich nicht die Summe der Entscheidungen der handelnden Marktteilnehmer, denn dann würden die Manager ja dazugehören, sondern irgendetwas Höhe…

  3. casparhauser sagte, am Oktober 8, 2008 zu 10:29

    Nun ja, nach Max Weber sind der Protestantismus und der Ursprung des Kapitalismus nicht unwesentlich miteinander verbunden. In der Konsequenz bedeutet dies als lediglich: back to the roots


Eine Antwort schreiben