Aus dem Leben eines Unternehmensberaters

Gedanken zur Finanzkrise

Veröffentlicht in Wirtschaft und Politik von casparhauser am Oktober 9, 2008

Ich muss ehrlich gestehen, ich fühle mich dieser Tage ziemlich überfordert, die täglichen Ereignisse in irgendeiner Form sinnvoll zu verarbeiten. Ich bin von Hause aus Volkswirt und habe zumindest ein Grundverständnis von dem, was momentan passiert. Auch kommt die Krise für mich nicht überraschend – dass die Fundamentaldaten im internationalen Wirtschaftssystem so erschreckend im Ungleichgewicht waren, dass über kurz oder lang dramatischen Anpassungen notwendig würden, war ohnehin kein Geheimnis.

Im Gegenteil: es hat mich eigentlich immer viel mehr verwundert, dass die Krise so lange auf sich warten ließ – ganz nach Nouriel Roubini. Jedesmal, wenn ich dachte „jetzt muss es knallen“, gab es dann doch noch die alles abwendende Intervention der FED, oder die Chinesen und Japaner pumpten noch mehr Geld in die US-Wirtschaft, oder es traten immer neue Blasen zutage, oder, oder, oder.

Auch überrascht mich die Wucht nicht, mit der die Krise jetzt einschlägt. Je länger die weltweite Bonanza andauerte, desto heftiger würden die Anpassungen sein; da war ich mir immer sicher. Ich bin ganz offen – ich war immer eher ein Pessimist, und bin es heute erst recht.

Ich glaube, dass die Krise sich sehr lange hinziehen wird. Eigentlich läuft sie ja schon seit Sommer 2007, wenngleich sie bist jetzt nur gemächlich vor sich hin waberte. Für die nächsten Jahre sehe ich jedenfalls zahlreiche Rezessionen, Stagnationen und anstrengende, schmerzhafte Anpassungsprozesse.

Gleichwohl fühle ich mich definitiv überfordert. Schon während des Studiums verzweifelte ich gelegentlich ob allzu abstrakter mathematischer Modelle und flüchtete bei zahlreichen Gelegenheiten in andere Fachbereiche, um den Modellen mit Hilfe von psychologischen und soziologischen Erkenntnissen etwas mehr Leben einzuhauchen. Inzwischen stecke ich aber in den meisten Themen gar nicht mehr drin, und von Finanz- und Geldmärkten hatte ich noch nie ein solides Verständnis – und so bleibt mir eigentlich nur ein rudimentäres Grundverständnis von dem, was vor sich geht.

Alles erscheint so erratisch; die Medien werfen einem informationsfetzen hier und dort vor, und die alten Bekannten erzählen immer noch den gleichen Stuss, wie in den vergangenen Jahren: alles wird gut; nur die Zinsen senken; der Realwirtschaft geht es gut (naja, vielleicht nicht ganz, aber zumindest im Prinzip), usw. usw.

Zudem fehlt mir einfach die Zeit, alles aufzunehmen und mir in Ruhe meine Gedanken zu machen. Auf meinem derzeitigen Projekt spielt die Finanzkrise eher eine untergeordnete Rolle. Der Klient ist nicht direkt im Finanzsektor tätig und hat allenfalls einige Finanzierungsthemen zu meistern – vorerst. Allerdings stellen sich mir auch hier fundamentalere Fragen. Wie kann man, beispielsweise, in der jetzigen Zeit Marktanalysen für eine Expansion ins Ausland vornehmen, wenn womöglich einige Volkswirtschaften tierisch den Bach runtergehen? Und wie kann man zumindest die identifizieren, die es am härtesten trifft?

Mit meinen Kollegen rede ich zwar jeden Tag über die Finanzkrise, aber es scheint niemanden so sehr zu beunruhigen, wie mich. Wie soll ich mir denn jetzt Gedanken über Organisationsfragen und Prozessabläufe machen, wenn die Krise womöglich ganz andere Fragen aufwirft, als sie sich noch vor 3-4 Wochen gestellt haben? Braucht der Klient womöglich nicht ganz andere Antworten?

Bleibt noch das private Umfeld. In meinem Bekanntenkreis hat eigentlich noch niemand so wirklich realisiert, was gerade so passiert. Niemand fühlt sich wirklich betroffen. Selbst Bekannte, deren Aktiendepots gerade in den Keller gehen, sagen oft lapidar „ich will die Aktien eh noch 10 Jahre behalten, und bis dahin hat sich das alles wieder entspannt“. Dachten das die AIG-Aktionäre nicht auch?

Ich blicke jedenfalls nicht entspannt auf die nächsten Jahre. Die Zeiten werden wohl härter, als sie es jemals zu meinen Lebzeiten gewesen sind. Ich habe nicht wirklich Angst, weder um meinen Job, noch, dass ich nicht irgendetwas anderes finden könnte, sollte ich dies doch irgendwann tun müssen. Aber ich bin eben auch nicht blauäugig.

Es bleibt eigentlich nur eine für mich untypische Paralysis. Ich weiß einfach im Moment überhaupt nicht, was zu tun wäre. Ich habe kaum Ideen, was man unternehmen sollte, um für die Zukunft ein einigermaßen vielversprechendes Bild zeichnen zu können. Und das, obwohl ich eigentlich ein lösungsorientierter Mensch bin.

Irgendwo in mir gibt es durchaus das Bedürfnis, „Blut“ zu sehen. „Man sollte den Bankern allen einmal eine verpassen,“ denke ich dann; „und ihnen alles wegnehmen, was sie in den letzten 10 Jahren verdient haben“. Ich weiß, das sind primitive Empfindungen. Und sie würden 0,0 nix zu einer Lösung beitragen.

Zumal es nicht nur die Banker waren, sondern eben auch und gerade die politischen Entscheider, die die Rahmenbedingungen geschaffen haben: Deregulierung, Basel II, Steuerbefreiung von Veräußerungsgewinnen, usw. usw. In diesem Zusammenhang ist es ja auch gerade besonders tragisch, dass diejenigen, die es bisher verbockt haben, nun den Karren aus dem Dreck ziehen sollen. Dazu müssten diese Menschen ja zumindest einmal ihre Fehler eingestehen. Wie sagte Einstein nämlich so schön: „Man kann ein Problem nicht mit derselben Denkweise lösen, mit der es erschaffen wurde“

Stattdessen möchte man lieber den Schein wahren. Fehler? Nicht doch, das waren die Manager. Oder die Ratingagenturen. Oder die blöden Amis. Oder sonstwer – auf jeden Fall immer die Anderen.

Und selbst der Börsengang der Bahn soll mit der Brechstange am 27. Oktober über die Bühne gehen – falls die große Koalition nicht doch noch Eier in der Hose hat. Aber bei dem Ausmaß an öffentlichem „Widerstand“ käme sie womöglich sogar noch damit durch, selbst wenn man damit weitere Milliardenbeträge öffentlicher Gelder vernichtet. Marx hatte doch recht: Geschichte widerholt sich, das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.

All diese Dinge stimmen mich doch sehr pessimistisch. Wo sind die Lösungen? Wo sind die Perspektiven? I don’t see them right now. Die Weichspülmentalität und Visionslosigkeit der vergangenen Jahre, das Einheitsdenken und die Mitläufermentalität, die sich entwickelt haben – all das kommt jetzt erschwerend hinzu. Querdenker wurden systematisch marginalisiert und als Spinner dargestellt. Ja-sagen war en vogue. Und nun fehlen die Köpfe, die die durchschlagenden Ideen haben.

Ich habe allerdings eine Hoffnung. Die Finanzkrise wird Tabus niederreißen, wie einst die Menschen die Mauer niedergerissen haben. Man wird sich Gedanken über neue Gesellschaftsmodelle machen müssen; bereits heute kann man zumindest darüber reden, Banken zu verstaatlichen; morgen vielleicht darüber, es mit natürlichen Monopolen auch zu tun. Das Pendel wird zurückschwingen – und die Menschen werden wieder frei diskutieren und über wirkliche Alternativen reden und nicht darüber, ob die Lohnnebenkosten um 0,5% sinken, die Mehrwertsteuer um 3% steigen, und die Rentenformel um den Faktor xyz erweitert werden soll. Es wird das Ende der Entpolitisierung der Gesellschaft sein. Sie weiß es nur noch nicht.

Und bei dem Gedanken kann ich nun mit einem Lächeln ins Bett gehen.

4 Antworten

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  1. Doener sagte, am Oktober 9, 2008 zu 4:30

    Schön formuliert, ich habe zwar erheblich weniger Ahnung von Wirtschaft aber mir heute auch sehr ähnliche Gedanken gemacht:

    http://doener.blogage.de/entries/2008/10/9/Finanzkrise-Weltuntergang-Chance-Chaos

  2. Immobilien-konkret.de sagte, am Oktober 10, 2008 zu 12:00

    Das, was derzeit an den Börsen passiert, ist für mich in jedem Fall dramatischer, als das, was in der realen Wirtschaft ankommt.

    Sicherlich – es wird eine Rezession kommen. Aber: Rezessiert nicht unsere Bevölkerungszahl schon seit langem?

    Wir werden den Gürtel enger schnallen müssen. Aber: Wir tun ja auch alles dafür, dass dies so wird. Oder wer kauft noch einen deutschen DVD-Player für 500 Euro?

    Was in der Tat aufhören muss, das ist die unermessliche Gier, die in vielen Banken- und Unternehmenskreisen kursiert. Zum Beispiel der Versicher AIG. Gerade gerettet mit 85 Mrd. Dollar von der US-Regierung. Dann noch einen obendrauf: Das Paket reicht nicht. Noch ein Nachschlag in Milliardenhöhe. Und dann kommt durch einen Ermittlungsausschuss raus, dass die Manager nach der Rettung erstmal Luxusurlaube im Wert von 350 TSD Dollar gemacht haben.

    Das kann doch wohl nicht wahr sein …

    Übrigens: Die US-Schuldenuhr hat nun in dem Feld, das früher nur für das Dollar-Zeichen war …
    (http://newsticker.welt.de/index.php?channel=wir&module=dpa&id=19172410)

  3. [...] GET REAL or GO HOME Ein zentrales Thema beherrscht derzeit (und wohl auch noch die nächsten Monate, vielleicht sogar Jahre?) die mediale Landschaft, nämlich die aktuelle Banken- und Finanzkrise. Obwohl der Crash von Experten schon lange vorhergesagt wurde, kam er nun doch mit unerwarteter Härte und Intensität. Ich möchte hier und heute aber nicht zu der Krise an sich Stellung nehmen, denn dazu bin ich zu wenig Volkswirt, Banken- oder Finanzexperte. Diese Analyse überlasse ich lieber anderen, die sich hier besser auskennen. [...]

  4. casparhauser sagte, am Oktober 11, 2008 zu 5:16

    @immo-kon

    Die Auswirkungen auf die „Realwirtschaft“ wird auch dramatisch – schon jetzt bekommen die Unternehmen zahlreiche Kreditlinien gestrichen und gekürzt. Auch viele Unternehmen haben eine sehr dünne Eigenkapitaldecke und haben sich in den Zeiten des billigen Geldes mit ebendiesem dick eingedeckt.

    Zunächst wird das streichen der Kreditlinien zu massiven Liquiditätsproblemen führen, was dann zum totalen sell-out führen wird. Gleichzeitig wird der Export einbrechen, und von Konsumentenseite wird auch nicht viel kommen.

    Es sieht düster aus.


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