Aus dem Leben eines Unternehmensberaters

Die Ruhe vor dem Sturm

Veröffentlicht in Unternehmen, Wirtschaft und Politik von casparhauser am Oktober 12, 2008

Dies war ein wunderschönes Wochenende. Die Sonne schien, es war angenehm warm, duftete nach Herbst und die Vögel sangen. Am Samstag machte ich mich auf in die Stadt, um meine Einkäufe zu erledigen. Dort war es ziemlich voll – die Menschen schlenderten durch die Gassen, tranken Kaffee, auf dem Marktplatz war eine Tanzgruppe. Gemächlichkeit, Ruhe und Gelassenheit in allen Gesichtern.

Komischerweise kreisten meine Gedanken mal wieder nur um die kommende Woche. Das ist an sich nicht ungewöhnlich, denn Samstag ist der einzige Tag, an dem ich meine Besorgungen machen kann. Heute kam aber hinzu, dass mir die Ruhe der Menschen um mich herum eigentlich nur unheimlich vorkam. Es war zu ruhig, zu normal. Friede, Freude, Eierkuchen.

Morgen dürfte die Ruhe nun endgültig vorbei sein. Die Banken werden nun teilverstaatlicht – wie auch immer unsere Regierung das dann auch nennen mag. Es ist der einzig logische Schritt. Ausgestanden ist die Sache damit natürlich noch lange nicht; die Bilanzen sind damit noch nicht dekontaminiert und die wahren Verluste noch nicht offengelegt. Abgerechnet wird ja bekanntlich immer am Ende.

Niemand weiß, wie schlimm es noch kommen wird. Die „Finanzinnovationen“ haben ein Dickicht geschaffen, welches niemand mehr durchblicken kann – kein Banker, keine Aufsichtsbehörde, kein Politiker, kein Manager. Seit Monaten kursieren schon Zahlen, wieviel wohl abgeschrieben werden muss. Bisher waren es 760 Mrd. US$, die die Baken und quasi-Banken wie Hedgefonds abgeschrieben haben. Der IMF erwartet, dass es in etwa noch einmal so viel sein wird.

Weshalb mir die Ruhe dieses Wochenendes als besonders unwirklich erschien ist, dass es eine Sache jetzt sonnenklar ist: es wird eine Rezession geben, die sich gewaschen hat.

Die Kreditklemme schlägt jetzt vollends auf die Unternehmen und Verbraucher durch. In allen Unternehmen, die wir beraten, ist Liquidität zum großen Thema geworden. Investitionen werden verschoben, Kostensenkungen kommen wieder auf die Tagesordnung. Ein Unternehmen, welches wir beraten, steht kurz vor der Insolvenz. Das liegt zwar primär daran, dass das Private Equity Unternehmen, von dem es gekauft wurde, vor einem Jahr massiv Eigenkapital rausgezogen hat und damit die Eigenkapitalquote von 35% auf unter 10% gesenkt hat – vor ein paar Jahren hätte das Private Equity Unternehmen aber relativ leicht Kapital nachschießen können, um eine Insolvenz abzuwenden. Heute kommen auch „Heuschrecken“ nicht leicht an Geld, was in so einer Situation mitunter fatal auswirkt.

Die Zeit billiger Kredite für Verbraucher dürfte zudem auch bald zuende sein. Mit einiger Verwunderung sah ich zwar gestern noch die bunten Werbeangebote von Fortis (eigentlich müsste es da doch nun heißen: leihen Sie sich Geld günstig vom belgischen Steuerzahler) – Baukredite für schlappe 4,8%. Der deutsche Verbraucher sollte aber antizipieren, dass er im nächsten Jahr in sachen Konsum keine großen Sprünge wird machen können.

Hinzu kommt, dass die Exportmärkte gerade wegbrechen und die Industrieproduktion schon weitgehend rückläufig sind. Derzeit halten sich die Unternehmen noch mit bestehenden Aufträgen über Wasser – wenn die aber erstmal abgearbeitet sind, sieht es düster aus.

So sind die Reaktionen an den Börsen nicht viel mehr, als eine lange überfällige Anpassung viel zu optimistischer Erwartungen und eine lange überfällige Einpreisung von Risiken in den Finanzmärkten. Die Börse ist damit auch endlich in der Realität angekommen.

Noch nicht in der Realität angekommen scheinen bisher unserer Politiker zu sein. Noch am Donnerstag sagte Peer Steinbrück dem Handelsblatt, er würde für 2011 weiterhin einen ausgeglichenen Bundeshaushalt anvisieren. Solch eine Äußerung zeugt von Wahrnehmungsstörungen. Hinzu kommen etliche Äußerungen, die „Realwirtschaft“ sei robust und würde, abgesehen von kleineren Dämpfern, 2009 weiter solide wachsen. Vorletzte Woche wurden in diesem Zusammenhang noch 0,9% prognostiziert, letzte Woche waren es dann schon nur noch 0,2% – was an sich schon eine Stagnation bedeutet.

Meiner Meinung nach wird es 2009 negatives Wachstum geben. Der Exportsektor wird eine volle Breitseite abbekommen; die Unternehmen werden aufgrund mangelnder Liquidität Kosten senken und Leute entlassen müssen; und der deutsche Verbraucher wird diese Entwicklung auch nicht auffangen können. Die Bundesregierung wird zudem wenig Spielraum haben, ob der finanziellen Spritzen für den Finanzsektor die Bürger zu entlasten oder die Konjunktur durch Investitionen zu stärken.

Jeder der sich jetzt hinstellt und die Situation schön zu reden versucht, macht die Sache nur noch schlimmer. Die Medien und die Politik sollten den Menschen endlich reinen Wein einschenken – die Quittung wird es 2009 so oder so geben.

5 Antworten

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  1. Juergen sagte, am Oktober 13, 2008 zu 1:47

    Da den Sparkassen und Genossenschaftsbanken jetzt soviel Geld zufließt, dürften kleine und mittelständische Unternehmen von einer Kreditklemme eher nicht betroffen sein.

    http://www.sueddeutsche.de/finanzen/634/313541/text/

    oder irre ich mich da (bin Natur- und kein Wirtschaftswissenschaftler)?

  2. casparhauser sagte, am Oktober 13, 2008 zu 2:07

    Hallo Jürgen,

    Da hast Du in der Tat recht – heute morgen stand in der FTD, dass es momentan sogar eine Ausweitung bei den Krediten an Mittelständler gibt. Allerdings glaube ich nicht, dass diese Entwicklung sich fortsetzen wird – auch die Sparkassen und Genossenschaftsbanken werden jetzt zur Stützung des Gesamtsystems herangezogen; siehe die Überlegungen, die separaten Einlagensicherungssysteme zu einem einzigen System zusammenzufassen.

    Die großen Unternehmen sind von der Kreditklemme auf jeden Fall schon massiv betroffen. Und an den großen Unternehmen hängen ja auch wieder X Mittelständler. Insofern sehe ich auch schwere Zeiten für den Mittelstand.

  3. Juergen sagte, am Oktober 14, 2008 zu 11:32

    Die Landesbanken hatten ursprünglich ja die Aufgabe, Kredite bereitzustellen, die für eine Sparkasse zu groß sind, etwa für Auslandsinvestitionen von Unternehmen. Vielleicht sollten sich die Landesbanker in der jetzigen Situation wieder auf ihre originäre Aufgabe zurückbesinnen.

  4. Juergen sagte, am Oktober 21, 2008 zu 3:42

    Zum Thema Kreditklemme:

    Laut Hauke Fürstenwerth, der u.a. die DIHK und den BDI zitiert gibt es derzeit noch keine Kreditklemme in Deutschland:

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=3528

  5. casparhauser sagte, am Oktober 22, 2008 zu 11:37

    @ Juergen

    zum Thema Landesbanken, volle Zustimmung. Die hätten nie versuchen dürfen, an dem großen Rad des globalen Finanzkapitalismus mitzudrehen. Die LBBW ist mit Faktor 57 geleveraged – dass ist hanebüchen.

    Zum Thema Fürstenwerth – danke für den Hinweis. Ich sehe die Situation durchaus anders, habe aber natürlich auch nur selektiv Einblick in bestimmte Branchen und Unternehmen. Ich habe auch vor einigen Tagen gelesen, der Mittelstand würde momentan noch ausreichend von den Sparkassen unterstützt. Gleichwohl sehe ich die Kreditklemme schon in vielen Bereichen.

    Letztendlich weiß ich nicht, von wann die Daten der DIHK und dem BDI kommen. In den letzten 2-3 Wochen haben die Entwicklungen in einem rasanten Tempo stattgefunden. Wer vor 3 Wochen noch einen Kredit bekam, hat es heute mit Sicherheit schon wesentlich schwerer.


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