Dystopia 2010
Die Uhr zeigt 3:18 Uhr, als das Telefon klingelt. „Hallo?“ meldet sich eine verschlafene Stimme. „Frau Bundeskanzlerin, hier ist Siegbert von der Stabstelle Finanzkrise.“ Sichtlich irritiert setzt sich Angela Merkel in ihrem Bett auf. „Ich habe schlechte Neuigkeiten. Der italienische Premierminister wartet auf der anderen Leitung. Er sagt es sei dringend.“ „Geben Sie mir fünf Minuten. Ich möchte nur gerade zu mir kommen.“
Zwei Stunden später sitzt Angela Merkel in ihrer Dienstlimousine auf dem Weg ins Kanzleramt. Auf dem kurzen Weg rekapituliert sie das Gespräch mit Silvio Berlusconi. Es ist der 15. Oktober 2010. Ein Freitag, der in die Geschichte eingehen wird. „Es ist vorbei,“ hatte er gesagt, „wir können einfach nicht mehr. Wir müssen austreten, noch heute. Ich bin um 16:00 Uhr in Brüssel.“
Die Bilder huschen ihr nur so durch den Kopf. Die letzten zwei Jahre waren so turbolent; gefühlt hat sie in der Zeit 3000 Stunden Schlafmangel akkumuliert. Man sieht es ihr an. Kein Make-up der Welt wird jemals diese Augenringe kaschieren können.
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Vor gut einem Jahr konnte sie sich noch gerade so durch die Bundestagswahl retten. Die große Koalition sicherte sich nur noch 52% der Wählerstimmen. Die Stimmung war prekär. Die Finanzkrise hielt ganz Europa in Atem und niemand hatte ein Rezept, die Krise dauerhaft in den Griff zu bekommen.
Zunächst erwies sich Europa als handlungsfähig. Man verabschiedete ein weitreichendes Rettungspaket, die Banken wurden teilverstaatlicht, die Situation beruhigte sich – kurzfristig. Schon einen Monat nach dem Rettungspaket kamen die Hiobsbotschaften. Aufgrund akuter Liquiditätsengpässe wurden zahlreiche Firmen zahlungsunfähig. Die Kreditmärkte waren weiterhin dicht, wodurch Eigenkapitalerhöhungen als einziges Mittel für die Firmen blieben, Liquidität sicherzustellen, um Gläubiger bedienen zu können. Zulieferer in zahlreichen Branchen lieferten nur noch gegen Vorkasse, wenn sie überhaupt noch liefern konnten.
Gleichzeitig brach die Konjunktur fast vollständig weg. Bestellungen wurden storniert, die Läger füllten sich. Auch Einstellungsstopps und Gehaltseinfrierungen halfen nur kurzfristig. Ein Tropfen auf den heißen Stein – sonst nichts.
Die Regierungen Europas beschlossen die Finanzhilfen auf die Unternehmen auszuweiten. Das war im Dezember 2008. Zu diesem Zeitpunkt hatte es zahlreiche Firmen schon hart getroffen. Eigenkapitalerhöhungen wurden immer schwieriger in einem Umfeld, in dem die Kapitalgeber durch die großen Vermögensverluste schon sehr gebeutelt waren. Die Börsen Europas waren auf historische Tiefststände gefallen; die Immobilienpreise in den überhitzten Ländern Großbritannien und Spanien fielen nun schneller, als man blinzeln konnte. Panik machte sich breit.
Als nächstes wurden Unternehmensteile versilbert, so sich solvente Käufer fanden. Ausfallende Kreditzahlungen führten zu höheren Risikobewertungen, wodurch die Firmen nun eine höhere Zinslast zu leisten hatten. In einigen Unternehmen wurden die Gehaltszahlungen ausgesetzt. Leute wurden massenhaft entlassen. Allein in Deutschland nahm die Arbeitslosigkeit zwischen Oktober 2008 und Januar 2009 um 200,000 Menschen zu.
Italien traf es mit am härtesten. Zwar wurde Italien von der Finanzkrise weitgehend verschont. Die Unternehmen in Italien waren aber ohnehin in einem maroden Zustand. Zudem brach mit den USA der viert-wichtigste Exportmarkt fast vollständig weg. Auch die Exporte in die Eurozone gingen drastisch zurück. Die Situation wurde extrem unruhig.
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Angela Merkel stutzt. Vor dem Kanzleramt sind bereits zahlreiche Medienvertreter versammelt. Die Limousine fährt im Schritttempo während die Journalisten versuchen, Schnappschüsse zu machen. Als die Limousine anhält, ist sie schweißgebadet. Der Fahrer blickt nach vorn ins Leere und schenkt ihr keinerlei Beachtung. Ein Kofferträger tritt an die Limousine heran und öffnet die Tür. Angela Merkel blickt ihn kurz an, fast regungslos, und sagt dann leise „ich komme sofort. Ich brauche noch fünf Minuten.“
Als die Tür wieder geschlossen wird sitzt sie dort und verspürt Übelkeit. „Ich verstehe das alles nicht,“ murmelt sie vor sich hin. Der Fahrer verdreht kaum bemerkbar die Augen. Die Luft ist elektrisiert. Angela Merkel lehnt sich zurück und schließt die Augen.
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Die Finanzspritzen für die Unternehmen brachten kurzfristig Stabilität. Die europäischen Staaten waren nun nicht nur an den Banken beteiligt, sondern erwarben nun auch Anteile an Unternehmen in Schlüsselindustrien. Gleichzeitig wurden großzügige Kreditpakete bereit gestellt. Die Lobbyisten standen schlange und beknieten die Entscheidungsträger, sie mögen sich in ihren Wirtschaftszweigen besonders engagieren.
Die Haushaltsdefizite wuchsen derweil stark an. Eine Milliarde Euro erschien zu der Zeit bereits als eine winzig kleine Summe. Erste Journalisten begannen zu scherzen, bald könne man auch im Euroraum locker ein paar Nullen von den Geldscheinen streichen. Das Lachen sollte ihnen im Halse stecken bleiben.
Bereits im ersten Quartal 2009 stieg die Inflation im Euroraum auf über 5% an. In der EZB fühlte man sich total überfordert. War es nicht primäre Aufgabe, der Inflation Einhalt zu gebieten? Man konnte die Zinsen nicht einfach anheben.
In Italien mobilisierten sich derweil die Gewerkschaften. Zum einen versuchte man die Regierung zur Unterstützung bestimmter Wirtschaftssektoren zu bewegen und drohte mit Streik. Woanders sah man die Inflation als große Gefahr, zumal Lohnzahlungen teilweise ausblieben, und drohte ebenfalls mit Streik. Im April 2009 war es dann soweit. Ein Tag Generalstreik. Die italienische Regierung mobilisierte das Militär, um im Land für Ruhe zu sorgen. Die Situation eskalierte und der Streik wurde auf eine Woche ausgeweitet.
Am Ende der Woche gab die italienische Regierung bekannt, man würde alle Wirtschaftssektoren mit 300 Mrd. EUR unterstützen, 50 Mrd. als direkte Subventionen und 250 Mrd. EUR als zinsgünstige Kredite. Die EZB und die Wettbewerbshüter der Kommission protestierten. Auf einem Krisengipfel in Brüssel blieb ihnen aber nichts anderes übrig, als den italienischen Alleingang hinzunehmen.
Das Haushaltsdefizit Italiens würde 2009 satte 6% betragen. Maastricht war beerdigt. Bereits nach der Verkündung der Ergebnisse des Krisengipfels setzten die Ratingagenturen das Rating für italiensiche Regierungsanleihen herunter. Die italienische Regierung, bereits mit 105% des Bruttoinlandsproduktes verschuldet, würde von nun an höhere Zinsen zahlen müssen.
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„Warum haben wir nicht stärker geholfen“ denkt Angela Merkel während sie dort sitzt. „Dieser Alleingang war so unnötig. Wir waren doch einfach verärgert.“
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Derweil beruhigte sich die Situation in Italien nur langsam. Die Menschen verloren das letzte bisschen Vertrauen, dass sie noch für die Regierung besaßen, da sie mit brutaler Gewalt gegen Demonstanten vorging. Der Notstand wurde für die Region Lazio ausgerufen. Woanders öffneten die Fabriken derweil schon wieder ihre Tore.
Im August 2009 passierte es dann. Die EZB, schockiert über den Anstieg der Inflation im Euroraum auf 8% erhöhte die Zinsen um 300 Basispunkte. In Europa herrschte Schockstarre. Noch am selben Tag mussten die Aktienmärkte geschlossen werden. Auf einem Sondergipfel wurde Maastricht nun auch formal kassiert. Das Inflationsziel der EZB wurde im Eilverfahren auf 5% angehoben, der fiskalische Spielraum der Regierungen wurde erweitert.
Die Märkte reagierten weiterhin mit Panik. Die Inflationserwartungen stiegen rapide an – der EZB wurde jegliche Kredibilität genommen. In Italien war die Inflation mittlerweile auf 12% angestiegen. Die Wettbewerbsfähigkeit nahm immer weiter ab; in einer atemberaubenden Geschwindigkeit wurden italiensiche Unternehmen aus den Märkten gedrängt.
Berlusconi unternahm einen letzten Rettungsversuch. Im Oktober 2009 verstaatlichte er die größten Industrieunternehmen, organisierte ein Konjunkturpaket in Höhe von 20 Mrd. EUR und schloss bis auf weiteres die Börse. Europa stand damit endgültig am Abgrund.
Zum Ende des Jahres herrschte wirtschaftlich wie mental eine tiefe Depression. Die Geschwindigkeit und das Ausmaß überraschten alle Entscheidungsträger. Nunmehr zog man auch in den anderen europäischen Ländern Bilanz. Die verbürgten Kreditausfälle des abgelaufenen Jahres hatten in allen europäischen Ländern zu massiven Haushaltslöchern geführt. Der Spielraum war überall eng, das Vertrauen verschwunden. Nationalistische Töne fanden Gehör bei einigen Frustrierten. Die Arbeitlosigkeit nahm drastisch zu – 2009 kamen in Deutschland ganze 2 Mio. hinzu.
In Italien waren es sogar 3,5 Mio. mehr Arbeitslose. Die nun staatlichen Regierungsuntenehmen starteten Beschäftigungsprogramme. Zum jahreswechsel war niemandem zum Feiern zu mute.
Auf dem ersten Gipfel im Januar 2010 wurden die Folgen der Entwicklungen für den Euro diskutiert. Die Währungsunion stand auf der Kippe und man vermutete, Italien wolle ob seiner dramatischen Probleme die Union verlassen. Eine Lira konnte man abwerten und dadurch Wettbewerbsfähigkeit gewinnen. In dramatischen Mammutsitzungen konnte man die italienischen Vertreter davon überzeugen, dass in der derzeitigen Situation ein solcher Schritt unberechenbar wäre.
Gleichwohl wurde die Situation in den folgenden Monaten nicht besser. Die Arbeitslosigkeit in Italien zog nun auf 14% an, die Inflation stieg auf 13% und der einzige Grund, der die Regierung noch am Leben hielt, war die Tatsache, dass jeder davon überzeugt war, dass Neuwahlen nur zu einem Bürgerkrieg führen konnten.
Im Mai 2009 wurden italienische Staatsanleihen vollends auf Junk-Bond Status herabgestuft. Die italienische Regierung bekam nun akute Zahlungsschweirigkeiten, da sie die Kredite mit höheren Zinsen nur noch schwer bedienen konnte. Deutschland und die anderen europäischen Länder sprangen ein und subventionierten nun die italienische Regierung direkt. Man musste den Euro retten.
Auf einem Krisengipfel im September wurden dann Bedingungen an die Finanzhilfen der anderen europäischen Länder geknüpft, die ja auch durch die Krise arg gebeutelt waren. Die italienische Regierung wurde dazu angehalten, Haushaltsentscheidungen vom europäischen Rat genehmigen zu lassen. Es kam zum Eklat und die italienischen Vertreter reisten vorzeitig ab.
Am 14. Oktober 2010 erklärte die italienische Regierung letztendlich, dass man auf die europäischen Hilfen verzichten wolle. Es ginge um die Souveränität des Landes. Das Spiel war aus – Italien würde die Währungsunion verlassen und seine Schulden nicht mehr bedienen können.
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Angela Merkel steigt nun aus ihrem Wagen und erblickt sofort Peer Steinbrück. „Peer, gut Dich zu sehen.“ Man duzt sich inzwischen – dafür hatte man genug miteinander durchgemacht. „Es kann ja jetzt nicht mehr schlimmer werden,“ versucht er sich in Zweckoptimismus. „Sagst Du das nicht schon seit zwei Jahren?“ Sie versucht, ein Lächeln in ihren Gesichtszügen zu platzieren, aber es ist ein verzweifelter
Versuch. Er schweigt, denn er weiß, dass sie recht hat.
[...] Geile Geschichte. [...]
Weder die ArbeiterInnen noch sonst jemand kommt auf den Gedanken, die Fabriken zu besetzen, und zukünftig für ihre Bedürfnisse, statt fürs Kapital zu produzieren?
@ egal
Ich weiß nicht, wer wann auf welche Gedanken kommt. Auch halte ich mein oben skizziertes Szenario für unwahrscheinlich.
Sollte es jedoch letzendlich wirklich zu fundamentalen Verwerfungen in den europäischen Volkswirtschaften kommen, dann halte ich auch extreme Reaktionen auf seiten der Bürger nicht für ausgeschlossen. Ob das Fabrikbesetzungen, Generalstreiks, oder gar Systemumstürze sind, sei mal dahingestellt. Selbst Kriege wären in absoluten Extremfällen nicht vollständig ausgeschlossen.
In Argentinien gab es während der dortigen Finanzkrise 1999-2002 aber tatsächlich Fabrikbesetzungen und teilweise auch kooperativen Betrieb derselben. Gibt es ein paar interessante Dokumentationen zu. Die Staatsgewalt ist aber auch massiv gegen solche Aktionen vorgegangen.
Man soll aber auch nicht alles total schwarz malen. Mit der Story wollte ich primär sensibilisieren und mal aufzeigen, was passieren könnte. Speziell die europäische Währungsunion betrachte ich nicht als gottgegeben.
[...] ist meine kleine Geschichte nicht vollkommen abwegig. Die Probleme werden garantiert voll auf die “Realwirtschaft” [...]
[...] Dystopisch. Geschrieben von in Linkschleuder, Nihilismus-Reliquien erster Klasse, Technik, die vergeistert um 17:47 | Kommentare (0) | Trackbacks (0) [...]
Ich halte diese Beschreibung für durchaus realistisch, nicht im Detail oder konkreten Verlauf, aber im großen (wenn mensch so will volkswirtschaftlichen/makroökonomischen) Rahmen schon: Inflation, Rezession/Depression + brutal-repressive staatliche Krisenverwaltung ohne jede Lösungsperspektive. Solidarische Ökonomie / kooperativer Betrieb / Sozialismus / whatever wäre dagegen eine echte Perspektive, wenn sie sich weit genug von den Kategorien des Kapitals (Markt, Geld, Ware, …) löst, aber eine die ich nicht als „extrem“ sondern in dem Fall als „radikal“ und „verdammt nötig“ bezeichnen würde und die nicht beim Stand der bloßen „Reaktion“ stehen bleiben dürfte. Denn die extrem(istisch)e Reaktion als rassistisch aufgeladener Volkszorn ist ebenso reaktionär wie erfolglos und mörderisch-barbarisch.
Insofern sollte klar sein, dass ich mit meinem Kommentar für emanzipatorische Perspektiven sensibilisieren wollte und das Szenario der Fabrikbesetzungen nicht als das schlimmste, sondern noch das denkbar günstigste betrachte, während ich einen europäischen Währungsseparatismus für ebenso nutzlos halte, wie alle anderen staatlichen Versuche.
mit kommunistischen Grüßen!
[...] mcberaterDystopia 2010so koennte es mit der finanzkrise weitergehen – oder auch nicht. [via] [...]
[...] http://mcberater.wordpress.com/2008/10/15/dystopia-2010/ [...]